Odysseus und der Einkaufstempel
Was hat die Geschichte von Odysseus, der an der Sireneninsel vorbeisegelte, mit Einkaufen zu tun? Ich sage dir - alles!
Endlich! Ein Impuls in mir: „Ich möchte mir 2 Hosen kaufen, Farbe: hell beige und olivgrün. Wohin? Am besten in die SCS, viel Auswahl – da finde ich bestimmt etwas. Einfach 2 normale gerade geschnittene Hosen, und vielleicht noch 2 einfarbige T-Shirts, kein Schnickschnack, kein Muster, keine Rüschen oder sonstiges“ . Das ist der Plan. Ach ja, und vielleicht noch ein Goldkettchen mit einer einzigen großen Perle – als Schmuck für alle Tage… ich liebe Perlen, sie haben etwas Erotisches“ Das ist der Plan.
Ich komme in der SCS an, es ist zu Mittag
und Dienstag, parke mein Auto, es sind
Osterferien und demnach viel los.
Beim Betreten des Konsumtempels, empfinde ich sofort Druck im Kopf sowie in
der Magengegend. Lärm, Musik, viele Menschen und noch mehr Dinge stürzen
optisch auf mich ein, sie scheinen mich anzuschreien. Mit jedem Schritt werden
der Druck und mein innerer Stress stärker.
„So muss es Odysseus gegangen sein, als er auf einer seiner Reisen an der Sireneninsel vorbei musste, er ließ sich an den Schiffsmast binden und seinen Gefährten befahl sich Wachs in die Ohren zu tropfen“ - denke ich und gehe weiter.
Da, vor mir, P & C, das Ziel meiner heutigen Reise.
„War schon lange nicht hier“.
Alles ist umsortiert, kann mich nicht orientieren. Ich treibe im reißenden Fluss der Bekleidungsangebote, alles scheint zu dröhnen, zu schreien. Druck und innerer Stress werden immer stärker, ich bemühe mich wirklich stark zu sein, denn ich will es heute schaffen mir zwei Hosen zu kaufen. Und vielleicht noch 2 T-Shirts – aber das weißt du ja bereits, ach ja und die Kette mit der Perle auch. Da endlich finde ich Hosen, die mir gefallen könnten – wäre da nicht dieses stark steigende Unwohlgefühl in mir.
Ich bleibe stark, nehme eine Hose und
probiere sie. Das Hämmern in meinem Kopf wird stärker, die Garderobe scheint
immer enger zu werden.“ Nein, die Hose schaut unmöglich aus“. Ich nehme eine
zweite- probiere sie – mein Kopfdruck wird immer stärker, die Garderobe immer
enger. Mittlerweile bilden sich Schweißperlen in meinem Gesicht.
„Na wenigstens habe ich Perlen im Gesicht, denn die Perlen an der Kette kann
ich mir für heute abschminken, das schaff ich nicht mehr“. Mein gesunder
Zynismus hilft mir nicht sofort in Tränen auszubrechen.
Ich will nur mehr raus. Raus an diesem schrecklichen Lärm des Überangebots. Bin den Tränen nahe, die eine oder andere zeigt sich schon, ich bleibe stark, wie Odysseus, der sich an den Schiffsmast binden ließ. „Gut dass, ich eine Wirbelsäule habe, sie ist mein innerer Mast“
Am Weg hinaus beobachte ich mich, mit rasendem Klopfen im Kopf, wie ich vorbei an Schaufensterpuppen gehe. Es scheint eine Parallele zu geben zwischen den lebensgroßen Puppen und den Sirenen, die Odysseus lockten, riefen, verführten, und ihn in ihren Bann ziehen wollten. Griechische Mythologie trifft auf ein scheinbar ganz normalen Vorhaben, nämlich Einkaufen.
Kein klarer Gedanke ist mir mehr möglich. Komme mir tatsächlich wie Odysseus vor, der angekettet an seinen Schiffsmast den betörenden Klängen dem Wahnsinn sehr nahe kommt.
„Bloß in aufrechter Haltung durch dieses Fahrwasser“ – Das ist meine Devise.
Geschafft, ich bin draußen, der Übergang von der Enge der begrenzten Räume in der SCS hinaus in einen etwas größeren Raum macht es mir möglich durch zu atmen. Ich verschnaufe. Komme langsam und allmählich in eine Ruhe, nicht ganz, denn meine Ruhe finde ich erst wieder, wenn ich das Grün und die Weite in meiner Wohngegend erreicht habe. Ruhiges Wasser sozusagen, nach dieser Irrfahrt. Ich fahre noch zu einem meiner Lieblingsplätze. Die Heimkehrerkapelle. Ein treffender Name, denn auch Odysseus war auf seinem Heimweg, als er an der Sireneninsel vorbeikam. Ein kleiner Hügel, 360 Grad Sicht, der Neusiedlersee vor mir, Vogelgezwitscher, überall blüht es und der weit entfernte Horizont ist das einzige was meine Sicht begrenzt. Das tut gut. Ein Gefühl von Daheim.
Danach fahre ich mit ziemlich verweinten Augen nach Hause und folge einem weiteren Impuls, in meinem Kleiderschrank Platz zu schaffen - wie wohltuend ein fast leerer Kleiderschrank ist. Das gibt mir Sicherheit, ja sogar inneren Halt, die bewusste Reduktion meines Angebots im Kleiderschrank lässt mich aufatmen und gibt mir ein Gefühl von Zufriedenheit, innerer Ruhe. Es bringt mich der Idee, die ich mit meinem Gefährten eines Tages verwirklichen möchte, nämlich das Reisen ohne Ziel mit kleinem Gepäck, wieder ein Stück näher.
Wieder ist ein Stück griechische Mythologie, heute in Form der Reise des Odysseus und den Sirenen, in mir lebendig geworden, und so wie Odysseus es an den Schiffsmast gekettet geschafft, vorbei an der Sireneninsel mit ihren betörenden Gesängen vorbei zu kommen, so kann ich nach diesen Einkaufserlebnis, das im Grunde keines war, meine Lebensreise in ruhigerem Gewässer, zumindest eine Zeitlang, fortsetzen.
Irgendwann wird es mir gelingen, 2 Hosen zu kaufen….
Gehen und philosophieren ...
Gehen und philosophieren haben eine hohe Affinität zueinander
Gehen, zu Fuß gehen, spazieren, einen Weg einschlagen, voran schreiten, fortschreiten, wandern, promenieren, lustwandeln, schlendern….diese Worte klingen ein bisschen nach Urlaub, zumindest nach Freizeit oder? Und doch ist es noch nicht so lange her, dass das Gehen, das zu Fuß gehen die einzige Möglichkeit sich fortzubewegen, ohne Zuhilfenahme von technischen Hilfsmitteln, aus eigener Kraft sozusagen.
Was ist passiert?
Damals hatten wir noch Zeit, sagen wir.
Doch damals wie heute hat der Tag 24 Stunden. Die grundsätzliche Erhöhung der
Fortbewegungsgeschwindigkeit hat uns viel Gutes beschert aber zu Fuß gehen, aus
eigener Kraft gehen ist zum Luxus geworden, ist auf der Strecke geblieben.
Eigenartig.
Ist uns eine Geschwindigkeit, die schneller ist als das Gehen, wirklich einem beglückendem Dasein dienlich, oder ist eher das Gegenteil der Fall?
Philosophieren, inne halten, selber denken, reflektieren, sich auf sich selbst zurückwerfen, sich aus dem Alltag des Getrieben-Seins herausnehmen…auch diese Worte klingen ein bisschen nach Urlaub, zumindest nach Freizeit oder? Und doch ist es auch noch nicht so lange her, dass das Philosophieren, und gute sowie ernstgemeinte Gespräche ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens waren. Unter Philosophieren verstehe ich eigenständiges Denken im besten Falle ohne Zuhilfenahme von äußeren Ratgebern, Denkvorgaben oder Expertenwissen.
Was ist passiert?
Unendlich viel Wissen und Informationen
sind uns mit dem Internet in sehr kurzer Zeit zugängig. Wenn wir es wollen, und
das tun wir meist, überrollt uns eine Flut von Wissen und Informationen
jeglicher Art. Die rasante Anstieg von
Wissen und unendlicher Zugang zu Informationen hat uns viel Gutes beschert aber
eigene Denken, das Philosophieren ist zum Luxus geworden, ist ebenso wie das
Gehen auf der Strecke geblieben. Es bedarf schon einer großen Portion Ausdauer,
Mut und Bewusstsein, den Suchmaschinen
im Internet mit der Eingabe von Begriffen zu widerstehen.
Eigenartig.
Beschert uns rasch erreichbares dafür aber unendliches Wissen und eine Unmenge an Information wirklich ein beglückendes und sinnerfülltes Leben, oder ist eher das Gegenteil der Fall?
Selber gehen und gemeinsames Philosophieren, das eigenständige miteinander denken kann auf einfache, regenerative jedoch radikale Weise inneren und äußeren Fortschritt eines Menschen bewirken.